In der modernen Industrie hat sich die additive Fertigung längst von einer Nische für Prototypen zu einer tragenden Säule der Serienproduktion entwickelt. Wenn es um die Herstellung funktionaler Bauteile aus Polymeren geht, stehen zwei Technologien im Fokus: Selective Laser Sintering (SLS) und Multi Jet Fusion (MJF). Beide gehören zu den Pulverbettfusionsverfahren, weisen jedoch signifikante Unterschiede in Technik, Mechanik und Wirtschaftlichkeit auf.
Technologische Grundlagen: Laser gegen Wirkstoffe
Beide Verfahren bauen Bauteile schichtweise in einem Pulverbett auf, unterscheiden sich aber grundlegend in ihrer Energiequelle:
- Selective Laser Sintering (SLS): Ein hochenergetischer CO₂-Laser tastet die Querschnittsgeometrie ab und versintert das Polymerpulver punktweise (Vektorscannen). Da der Laser jeden Punkt einzeln anfahren muss, hängt die Geschwindigkeit direkt von der Komplexität der Bauteile ab.
- Multi Jet Fusion (MJF): Hier wird ein flächenbasiertes Verfahren angewendet. Ein Druckkopf trägt zwei Wirkstoffe auf: einen Fusing Agent, der die Energieabsorption maximiert, und einen Detailing Agent, der die Konturen scharf hält. Eine Infrarot-Lichtquelle verschmilzt dann die gesamte Schicht in einem Durchgang – was die Druckzeit unabhängig von der Anzahl der Teile pro Schicht macht.
Materialvielfalt und mechanische Integrität
Das «Arbeitstier» beider Technologien ist Polyamid 12 (PA 12), das eine hervorragende Balance aus Festigkeit und chemischer Beständigkeit bietet. Dennoch ergeben sich technologiespezifische Vorteile:
- Isotropie: MJF erzielt eine nahezu perfekte mechanische Isotropie (bis zu 98 %). Das bedeutet, dass die Festigkeit in Z-Richtung (Aufbaurichtung) fast identisch mit der in X- und Y-Richtung ist. SLS-Bauteile weisen in der Z-Achse oft eine geringere Festigkeit auf.
- Materialbreite: SLS ist das «Schweizer Taschenmesser» der additiven Fertigung. Es bietet eine größere Auswahl an Spezialmaterialien wie Alumide, carbonfaserverstärkte Kunststoffe oder flammhemmende Varianten (UL 94 V-0). MJF ist derzeit noch auf weniger Materialien – primär PA 12, PA 11, TPU und PP – beschränkt.
Oberflächenqualität und Ästhetik
Die visuelle Erscheinung ist oft ein entscheidendes Kriterium für Endprodukte:
- Oberflächentextur: MJF-Bauteile fühlen sich durch den Einsatz des Detailing Agents oft glatter an und zeigen weniger sichtbare Treppeneffekte an Kurven. SLS-Teile haben eine eher körnige, «zuckergussartige» Textur.
- Farbgebung: SLS-Bauteile sind im Rohzustand meist weiß, was ein Einfärben in fast jede beliebige Farbe ermöglicht. MJF-Teile sind aufgrund des schwarzen Fusing Agents im Kern grau und werden meist schwarz eingefärbt. Ein Vorteil des MJF-Verfahrens ist der «Grey Core»: Kratzer an der Oberfläche fallen weniger auf, da das darunterliegende Material dunkelgrau und nicht weiß ist.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Qualität – sondern in der Skalierbarkeit. MJF macht Serienfertigung effizienter, SLS bleibt das flexiblere Werkzeug.
Wirtschaftlichkeit: Ab wann lohnt sich MJF?
Die Entscheidung zwischen den Verfahren ist oft eine rein ökonomische Abwägung basierend auf der Stückzahl:
- Einzelstücke und Kleinstserien (1–20 Teile): Hier ist SLS oft kosteneffizienter, da der Rüstaufwand geringer ist.
- Serienfertigung (> 100 Teile): In diesem Bereich ist MJF meist deutlich überlegen. Durch die hohe Druckgeschwindigkeit und die Möglichkeit, bis zu 80 % des Pulvers wiederzuverwenden (bei SLS nur ca. 30–50 %), sinken die Stückkosten signifikant.
- Nachbearbeitung: MJF ermöglicht durch externe Kühlstationen und automatisierte Entpulverungssysteme wesentlich kürzere Durchlaufzeiten.
| Kriterium | SLS | MJF |
|---|---|---|
| Energiequelle | CO₂-Laser (Vektor) | Infrarot-Flächenbelichtung |
| Hauptmaterial | PA 12 + viele Spezialwerkstoffe | PA 12, PA 11, TPU, PP |
| Isotropie (Z/XY) | Eingeschränkt | Bis zu 98 % |
| Rohzustandsfarbe | Weiß | Dunkelgrau |
| Pulverwiederverwendung | 30–50 % | Bis zu 80 % |
| Optimalbereich Stückzahl | 1–100 | > 100 |
Fazit: Die Wahl der richtigen Technologie
Es gibt keinen universellen Gewinner – sondern spezialisierte Einsatzgebiete.
- Wählen Sie SLS, wenn Sie eine maximale Materialvielfalt für spezifische technische Anforderungen benötigen, sehr große Bauteile (über 400 mm) fertigen oder helle Farben für Ihr Endprodukt fordern.
- Wählen Sie MJF, wenn die Wirtschaftlichkeit in der Serie im Vordergrund steht, höchste mechanische Sicherheit durch Isotropie gefragt ist oder eine spritzgussähnliche Oberflächengüte durch chemisches Glätten erzielt werden soll.
Beide Verfahren haben durch kontinuierlich weiterentwickelte Prozessstandards die additive Fertigung für die Industrie reproduzierbar und verlässlich gemacht. Welches für Ihr Projekt optimal ist, hängt letztlich von Geometrie, Stückzahl und den geförderten mechanischen Eigenschaften ab – eine Frage, die wir gerne gemeinsam mit Ihnen beantworten.
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